Schmerzversorgung im Netzwerk

11.01.2010 | Aachen
Mehr als 150 Ärzte, Kassen-Repräsentanten, Patientenvertreter, Gesundheitsökonomen und Vertreter anderer Gesundheitsberufe sind der Einladung der Grünenthal GmbH gefolgt, um in Aachen über die "Zukunft der Schmerztherapie" zu sprechen.

Die alljährliche Konferenz beschäftigte sich diesmal mit der Frage, ob und wie die schmerztherapeutische Versorgung in individuellen Verträgen zwischen Kassen und Ärzten besser abgebildet werden kann, als in den bisherigen Modellen der so genannten Regelversorgung.

Einen grundsätzlichen Einstieg in diese Thematik gab zu Beginn der Konferenz Prof. Rolf-Detlef Treede, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS), der darauf hinwies, dass Schmerz und Schmerztherapie derzeit im gesamten deutschen Versorgungssystem noch längst keine angemessene Abbildung finden. Vor diesem Hintergrund hätten es auch selektivvertragliche Angebote schwer. So sei es beispielsweise bis Ende 2008 nicht möglich gewesen, chronischen Schmerz als eigenes Krankheitsbild zu codieren, weil es keine entsprechende Ziffer in dem dafür vorgesehen Verzeichnis, dem so genannten ICD10-Code gab. Damit sei die Behandlung chronischer Schmerzen für ein morbiditätsorientiertes Vergütungssystem bis vor wenigen Monaten gar nicht erfassbar gewesen. "Die Ärzte fangen jetzt erst an, mit der neuen Schmerz-Ziffer im ICD10 zu arbeiten, so dass wir das Problem "chronischer Schmerz" erst nach und nach sichtbar machen können," betonte Treede. Vor diesem Hintergrund sei auch die Ausbildungssituation zur Schmerzbehandlung völlig unzureichend: "Um Schmerz adäquat versorgen zu können, benötigen wir mehr Forschung - hier stehen das Forschungs- und das Gesundheitsministerium in der Verantwortung - und dann vor allem eine Schmerz-bezogene Ausbildung unserer Medizinstudenten, die bislang mit der Thematik Schmerz gar nicht konfrontiert werden," so die Kernforderungen Treedes.

Dass die Problematik der Schmerzversorgung mit Sicherheit an Bedeutung zunehmen dürfte, legte Prof. Ferdinand M. Gerlach, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens, dar. Die rasante Alterung der Bevölkerung werde schon bald dazu führen, dass in einzelnen Regionen Deutschlands dramatische Versorgungsengpässe sichtbar werden. Vor allem die Zunahme chronischer Erkrankungen sei für ein Gesundheitssystem gegenwärtiger Prägung nicht mehr beherrschbar: "Die Zukunft ist chronisch, und wir haben für diese Zukunft noch nicht die richtigen Antworten gefunden", so Gerlachs Resümee. Der Schritt zu stärker integrierten, regional angepassten Versorgungskonzepten ist für Gerlach vor diesem Hintergrund logische und zwingende Konsequenz: "Was wir brauchen sind qualitätsgesicherte regionale Netzwerkangebote, in denen die Versorgungspartner selbst entscheiden können, wie sie ihre spezifischen Versorgungsherausforderungen lösen," fordert Gerlach in Anlehnung an das jüngste Gutachten des Sachverständigenrats, das sich im Frühjahr 2009 die "Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens" zum Untersuchungsgegenstand gewählt hatte.

Wie solche Netzwerklösungen in der Praxis aussehen können, wurde von den Teilnehmern in den anschließenden acht Workshopgruppen intensiv diskutiert. Deutlich wurde dabei aber auch, dass die Kooperation zwischen Ärzten und Kassen zum Teil noch immer von alten Ressentiments überschattet wird. Dass Krankenkassen vor dem neuen Finanzierungshintergrund aus Gesundheitsfonds und Morbiditätsvergütung schon lange nicht mehr dem Leitbild "Sparen um jeden Preis" folgen, sondern sich an effizienten Versorgungskonzepten orientieren, ist ein Lernprozess, der auch manchem Arzt als zukünftigen Partnern noch klar werden muss. Langfristige Patienten-Führung, optimiertes Behandlungsmanagement und präventive Steuerung der Versicherten sind aber Parameter einer neuen Versorgungsidee, die nur in gemeinsamer Versorgungsentwicklung zwischen Kassen und Ärzten gelingen kann. Wie solche Partnerschaften mit oder ohne Industriebeteiligung gelingen und in die Praxis überführt werden können, zeigten einige Modellprojekte, die im Rahmen der Workshops vorgestellt und intensiv diskutiert wurden.

Engagiert diskutiert wurde auch im Rahmen einer Podiumsdiskussion "Mediziner im Dialog", in der Dr. Diethard Sturm vom Hausärzteverband, Dr. Hubertus Kayser vom Berufsverband der Schmerztherapeuten (BVSD), Prof. Hans-Raimund Casser vom DRK-Schmerzzentrum in Mainz und Dr. Helmut Frohnhofen vom Klinikum Essen-Mitte der Frage nachgingen, wie eine optimale Steuerung des Schmerzpatienten im Versorgungssystem aussehen könnte. Einigkeit herrschte bei den Diskussionsteilnehmern, dass die gegenwärtige Versorgung von vielfachen Versorgungsbrüchen und undefinierten Zufällen bestimmt wird. Basis jedes Konzeptes müsse zwar eine hausärztliche Grundversorgung sein, doch sei es unerlässlich, die Patienten möglichst frühzeitig auch in fachärztliche oder stationäre Behandlung zu überweisen, falls die Probleme auf der hausärztlichen Ebene nicht zu lösen seien. Hierfür, so Casser, könnte ein Assessment etabliert werden, das für Patienten bei bestimmten Kriterien eine interdisziplinäre Fallberatung vorsehe. Sturm und Kayser verständigten sich darauf, dass Hausärzteverband und BVSD in naher Zukunft Gespräche zur Konzeption gemeinsamer Fortbildungsveranstaltungen aufnehmen werden.

Auch Prof. Matthias Graf von der Schulenburg (Leibniz-Universität Hannover) nahm in seinem Schlussvortrag die Zukunft ins Visier: Was, so Schulenburg in drei pointierten Fragen, ist von der neuen Bundesregierung zu erwarten? Was erwarten Versicherte und Patienten von der Regierung? Und wie lange können wir eigentlich noch warten, bis etwas geschieht? Die Antwort von der Schulenburgs auf diese Fragen ist dabei nicht durchgehend optimistisch: "Wenn wir ungesteuert so weitermachen wie bisher, dann wird im Jahr 2030 die Rentenversicherung, 2040 die Krankenversicherung und 2050 die Pflegeversicherung zusammenbrechen", so die zugespitzte Prognose des Ökonomen aus Hannover. Trotzdem dürfe das Gesundheitssystem keiner Schocktherapie unterzogen werden, weil nur mit behutsamen Schritten gewährleistet werden könne, dass das System nicht zusammenbricht. Wichtig wäre es vor allem, mehr Beteiligung der Versicherten und Patienten zu etablieren. "Erst wenn es uns gelingt, die Versicherten und Patienten an der Ausgestaltung unseres Systems zu beteiligen und dafür auch in die Verantwortung zu nehmen, werden wir die innovativen Schritte gehen können, die wir für die zukunftssichere Ausgestaltung des Systems brauchen", so die Überzeugung von der Schulenburgs.

Beteiligung hatte Kai Martens, Geschäftsleiter Deutschland der Grünenthal GmbH, bereits in seinen Begrüßungsworten zu einem zentralen Ansatz des Workshops "Zukunft der Schmerztherapie" erklärt: "Innovative Medikamente sind nur ein Baustein, um die Schmerztherapie zu verbessern. Ein weiterer Baustein ist die bessere Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Nur im Gespräch kann der Arzt die Schmerzintensität seines Patienten richtig beurteilen, die individuellen Behandlungsziele festlegen und über unterschiedliche Therapieformen sowie deren Aussichten informieren," so Martens. Das Unternehmen Grünenthal sieht sich in diesem Zusammenhang nicht allein als Hersteller und Entwickler wirksamer Arzneimittel, sondern es möchte auch Partner sein, um den Beteiligten der schmerztherapeutischen Versorgung eine Plattform zum Austausch und zur ständigen Verbesserung der Situation zur Verfügung stellen zu können. Vor diesem Hintergrund, so versprach Martens, wolle man sich auch im nächsten Jahre wieder in Aachen treffen, um über die Zukunft der Schmerztherapie zu diskutieren.

Quelle: Pressemeldung Grünenthal GmbH

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